• Holpriger Start ins deutsche Schulsystem

Mein holpriger Einstieg in das deutsche Schulsystem

Als ich in Polen in der Oberstufe Deutsch lernte, gehörte das Thema “Deutsches Schulsystem” neben der Grammatik und dem Konjunktiv einfach dazu. Jeder Schüler musste pauken, das Schulsystem aus dem Effeff beherrschen und um eine gute Note zu bekommen 😉 Und es war viel zu lernen, da das deutsche Bildungssystem total anders funktioniert als in Polen. Damals war alles neu und unbekannt für mich und ich musste mir wirklich viel Mühe geben, um es zu verstehen.

Seitdem ich 2004 aus Polen ausgewandert bin, hat sich das dortige Bildungssystem bereits zweimal geändert, selbst dieses Jahr gab es eine große Reform. Ich vergleiche zwar immer noch mit meiner Schulzeit, war aber seit dem erwähnten Unterricht dem deutschen Schulsystem etwas skeptisch gegenüber.

Als mein Sohn ca. 5 Jahre alt war, also im Vorschulalter, habe ich noch eine wichtige Tatsache entdeckt: es gibt nicht nur das deutsche, sondern auch das bayerische Schulsystem, angeblich wohl das strengste und konservativste im ganzen Land! Auweia!

Obwohl meine Kinder in der Kita waren seit sie ca. 1,5 Jahre alt waren, war der Einstieg in die “Fremdbetreuung” ehe unkompliziert und locker. Denn sie waren in den ersten Lebensjahren bei einer liebevollen Tagesmutter und danach in einem kleinen Kindergarten mit gerade mal 17 anderen Kinder. Da es eine Eltern-Kind-Initiative war, verlief die Eingewöhnung für uns alle unproblematisch und schnell. Die familiäre Atmosphäre nahm zusätzlich den Druck und schenkte uns viele Freiheiten.

Untersuchung zur Einschulung

Ja, irgendwann musste es sich ändern. Wie die meisten Eltern aller Vorschulkinder, bekam ich Anfang des letzten Kindergartenjahres, eine Einladung zur Untersuchung zur Einschulung. Dies war meine erste direkte Begegnung mit dem offiziellen deutschen Schulsystem.

Bereits bei der Untersuchung zur Einschulung, kamen mir viele negative Gefühle entgegen. Nicht nur weil mir sofort klar gemacht wurde, dass wir ab jetzt alle nur noch ein Zahnrädchen im großen Uhrwerk sind, sondern auch aufgrund des Verlaufs der Untersuchung. Eigentlich war die Stimmung nett und die untersuchende Pädagogin höflich, aber eine Sache hat mich komplett aus der Fassung gebracht. Und zwar die Frage, die die Damen meinem Sohn direkt stellte, als sie erfuhr, dass er zweisprachig erzogen wird: “Sprichst du lieber Deutsch oder Polnisch?”.

Ich war sofort auf 180, weil es sich fast so anhörte hätte, als ob sie wissen wollte, ob mein Sohn den Papa oder die Mama lieber hat. Übertrieben? Vielleicht, aber genau von dem Bundesland, in dem so viele mehrsprachige Kinder in die Schule gehen, hätte ich mehr Verständnis für Bilingualität erwartet! Denn es geht wirklich nicht darum, welche Sprache Kinder lieben sprechen, sondern darum, wie sie kommunizieren und mit wem. Die eine Sprache unterstützt doch die andere und die Zweisprachigkeit hat ganz viele Vorteile! Ich verstehe den Hintergedanke, dass während dieser Untersuchung bewiesen werden muss, ob das Kind mental, körperlich und auch sprachlich für die Grundschule bereit ist. Aber die Art, in der diese Frage gestellt wurde, störte mich sehr. Und mein armer Sohn schaute mich kurz an, grinste schüchtern und antwortete leise “Polnisch”. Ich vermute, wenn sein Papa dabei gewesen wäre, hätte er “Deutsch” geantwortet, um den Papa nicht in den Rücken zu fallen. Mit seiner Antwort wollte er mich nicht verletzen und mir seine Zuneigung zeigen.

Diese Frage war für mich viel mehr als nur ein dummer Satz. Sie zeigte mir auch, dass wir uns als Familie anpassen müssen: an die Regeln, an das ganze System und an diese Art der Kommunikation, bei der individuelle Bedürfnisse und Eigenschaften des Kindes nicht mehr im Vordergrund stehen werden. Es wird nichts mehr persönliches geben, ehe verallgemeinert und mit Gruppenzwang. Ich benutze hier extra eine starke Parabel, aber nur, um meine Gefühle und Emotionen auszudrücken!

Unsere Schulpflichten

Und im April kam der nächste Pflichttermin, also der Anmeldetag bei der Schule. Damals wussten wir bereits, dass wir im Sommer nach Hessen ziehen werden. Da wir aber bis dato noch in München gemeldet waren, musste die offizielle Anmeldung in Bayern, bei unserem Sprengel stattfinden. Unsere ganze Planung des Umzugs, die Vorbereitungen und weitere Anmeldungen waren vom Beginn des neuen Schuljahres in Frankfurt abhängig. Und der Unterschied zwischen dem Schulanfang in Hessen und Bayern ist über ein Monat!

Zum Glück haben wir es alles gut hinbekommen und nach kleinen Anfangsschwierigkeiten verlief die Schulanmeldung gut. Nach der erfolgreichen Anmeldung bekamen wir wieder Post, dieses Mal von der Schule selber. Es war eine kleine Broschüre mit allen Regeln und Informationen, die wir kennen lernen sollten, bevor das Schuljahr beginnt. Ganz viel Bürokratie und Papierkram… Und dann kam noch die Liste mit allen Produkten, die wir zum Schulbeginn besorgen mussten – und ich versichere Euch, dass ich dadurch meinen deutschen Wortschatz sehr erweitert habe! Oktavheft, Schnellhefter und Borstenpinsel sind mir keine Fremdworte mehr 😉

Am Tag der Einschulung waren wir alle ziemlich aufgeregt! Erstens, weil wir uns fragten, wo die Zeit seit der Geburt des großen Sohnes geblieben sei und zweitens, weil wir, oder mindestens ich, nicht wussten, was uns wirklich erwartet. Am Tag der Einschulung haben wir ja die Schule zum ersten Mal gesehen – vor dem Umzug haben wir es leider nicht geschafft.

Aber als mein Sohn ganz sicher und selbstbewusst mit seinem neuen Schulranzen und der Schultüte zu seiner Lehrerin und danach zur Klasse losmarschiert ist und nach der ersten Begegnung gestrahlt hat wie ein wahrer Sonnenschein, wusste ich sofort, dass alles gut werden wird. Denn, meine Ängste und Sorgen kamen hauptsächlich von meinen eigenen Schulerfahrungen, die so unterschiedlich sind von den lokalen Sitten. Aber auch vom oberflächigen, ehe negativen Eindruck, den ich bisher bekommen habe und von den ganzen Regeln und Pflichten, die mich am Anfang etwas überforderten. Und natürlich von den Vorurteilen, die sich über Jahre in meinem Kopf gesammelt haben. Wie jede Mama, hatte ich auch ein bisschen Bammel, ob ich wirklich loslassen und total fremden Menschen vertrauen kann. Kommt mein Kind in der Schule zu Recht? Findet er schnell neue Freunde? Macht es ihm Spaß?

Schule des Lebens

Nun sehe ich, wie gut die Schule meinem Sohn tut, wie selbstständig er wird, wie schnell er sich dort entwickelt und wie gerne er hin geht. Durch die super nette Lehrerin, die das ganze sehr persönlich und mit Humor managt, zeigt mir die deutsche Schule ein menschliches und sympathisches Gesicht. Und ich hätte nie gedacht, dass ich so froh sein werde, dass mein Kind in die (deutsche) Schule geht! 🙂

Holpriger Start ins deutsche Schulsystem

Was sind Eure Erfahrungen mit dem deutschen Schulsystem? Haben sich Eure Sorgen oder Vorurteile nach der Einschulung aufgelöst oder seid Ihr weiterhin skeptisch?

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