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Liebes Tagebuch, wie war ich vor 20 Jahren?

Ich habe mir neulich mein altes Tagebuch durchgelesen – ich habe von 1996 bis 1997 Tagebuch geschrieben. Damals war ich also 16/17 Jahre alt. Ich hatte es schon sehr lange nicht mehr in der Hand und war wirklich neugierig, was für mich vor 20 Jahren wichtig war. Voll in der Pubertät, immer auf der Suche nach einer festen Beziehung, enttäuscht von meinem Aussehen und meiner körperlichen Tüchtigkeit. Und kurz vor dem Eintritt in die Volljährigkeit… 2018 möchte ich von dieser jungen Damen erfahren, wie ich damals tatsächlich war: Was war für mich wichtig? Welche Werte spielten in meinem Leben eine große Rolle? Wie haben ich mich über die letzten 20 Jahre geändert?

Freunde: one for all all for one

Was ich sofort nach den ersten Seiten des Tagesbuchs feststelle, ist die Tatsache, dass ich mit meinen Klassenkameraden sehr eng verbunden war. Wir trafen uns oft nach der Schule, vor allem an Wochenenden, tauschten uns über das Leben aus und unternahmen einfach sehr viel miteinander. Mit zwei Freundinnen schrieb ich noch zusätzlich Briefe und das obwohl ich mich mit ihnen täglich in der Schule traf. Wir machten sehr viel Quatsch zusammen, brachen bestimmte Regeln, lachten Leute aus oder feierten mit ihnen. Immer wieder tranken wir Bier und dachten, dass jede Party mit viel Alkohol verbunden sein müsse. Wir schrieben aber auch Gedichte, tanzten viel und lachten um die Wette. Es herrschte noch sehr viel Leichtigkeit, ganz viel Naivität und noch mehr Hoffnung, dass diese Freundschaft alles überleben wird!
Aus der heutigen Perspektive bin ich schon ein bisschen traurig, denn mit vielen dieser Freunde habe ich keinen Kontakt mehr. Echt Schade! Vielleicht muss ich nach ihnen ein bisschen recherchieren und mich mit ihnen während meines nächsten Urlaubes in Polen treffen! Was ich mir für meine jetzige Situation wünschen würde, ist eben mehr von dieser Leichtigkeit und Spontanität, die man so als Teenie hat. Mal wieder tanzen gehen und laut und unbeschwert lachen! 🙂
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Schule und Lehrer

Eigentlich bin ich gerne in die Schule gegangen! Damals dachte ich, ich sei eine typische Humanistin und mich interessierten ausschließlich Geisteswissenschaften. Heute glaube ich, das stimmte nicht ganz, aber mit 16 hasste ich Mathe, Physik, Chemie und Ökonomie wie die Pest! Es lag bestimmt zum Großteil an den Lehrern, die mich für diese Fächer nicht begeistern konnten, aber auch an dieser komischen Überzeugung, dass ausschließlich Geisteswissenschaften cool sind. Ich war der Meinung, alles andere sei für Loser 😉 Doch jetzt könnte ich dieses Wissen sehr gut gebrauchen! Ich tue mir immer noch schwer mit meiner Finanzplanung, mit Controlling und Rechnungen. Es wäre heute viel einfachen, wenn ich damals nicht so eingebildet oder stur gewesen wäre. Was mich überrascht hat ist, dass die Schule doch so viel Bedeutung in meinem Leben hatte – das habe ich irgendwie verdrängt. Obwohl ich nicht die Beste in der Klasse war, waren mir meine Noten und Ergebnisse wichtig. Es war damals halt cool, sich über die Schule zu beschweren, aber eigentlich tief in der Seele war ich eine Streberin!
Aus der heutigen Perspektive sehe ich, wie wichtig unsere Lehrer für uns im Alter zwischen 14-18 sind! Es hängt so viel davon ab, wie Erwachsene die Teenager behandeln und mit deren Sensibilität umgehen! Ich schaute mir damals mehrmals den Film “Der Club der toten Dichter” an und heulte Rotz und Wasser! Ich wollte auch solche starken Persönlichkeiten wie der Englischlehrer John Keating (Robin Williams) in meinem Leben treffen. Ich brauchte ein Vorbild, jemanden, an dem ich mich orientieren kann. Einen Mentor, der an mich glaubt und mir hilft, die richtigen Entscheidungen souverän, aber auch selbstbewusst zu treffen. Leider gab es damals niemand, der diese Rolle eingenommen hat.

Freizeit

Unter der Woche gab es nicht so viel Zeit für andere Aktivitäten. Die Schule ging normalerweise von 8:00 bis 15:00 Uhr und am Nachmittag mussten die Hausaufgaben erledig werden. Ich ging aber fast jeden Freitag ins Kino und las viele Bücher, oft bis 2:00 Uhr morgens! Das habe ich heutzutage fast vergessen, aber mit 17 spielte Poesie eine ganz große Rolle in meinem Leben. Ich hatte ein paar Lieblingsdichter, die ich sehr gerne las, z.B. Wisława Szymborska, die genau zu diesem Zeitpunkt, also 1996 den  Nobelpreis für Literatur bekam.
LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK

Beide sind überzeugt,
sie habe ein plötzliches Gefühl vereint.
Diese Gewissheit ist schön,
doch die Ungewissheit ist schöner.

Es würde sie wundern zu hören,
der Zufall habe seit langem 
mit ihnen gespielt.

Noch nicht ganz
Schicksal,
brachte er sie mal zusammen, mal auseinander,
versperrte den Weg,
sprang zur Seite,
kichernd.

Denn jeder Anfang 
ist nur Fortsetzung,
und das Buch der Ereignisse
ist immer aufgeschlagen, mittendrin.

Wisława Szymborska (Auszug aus dem Gedicht)

Jetzt gehe ich viel seltener ins Kino und lese deutlich weniger. Eigentlich sehr schade, denn ich mochte es sehr! Ein paar Poesie-Bänder habe ich trotz all meiner Umzügen immer noch bei mir und sie sind und waren für mich, wie gute Freunde. Seitdem ich Kinder habe, hat sich das auch leider etwas geändert. Ich arbeite jetzt sehr viel online, befasse mich mit Texten und dichte so zu sagen selber auf meinen Blogs. Die Liebe zum Schreiben (wie im Tagebuch) ist also geblieben! 🙂
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Dominika mit 17 

Familie & Liebe

Komischerweise kommt meine Familie relativ selten in meinem Tagebuch vor. Meine 4 Jahre ältere Schwester war bereits ausgezogen und lebte in Warschau, beide Eltern arbeiteten und mein 10 Jahre jünger Bruder ging noch in den Kindergarten. Ich musste immer wieder auf ihn aufpassen und ich war darüber nicht gerade erfreut 😉 Viel häufiger schrieb ich über meine Freunde und über mehr oder weniger wichtige Beziehungen mit lustigen Typen, die mich damals interessierten. Irgendwie war ich ständig aber leider unglücklich verliebt. Das frustrierte mich sehr und verursachte schlechte Laune. Im Prinzip war ist ständig mit meinem Körper unzufrieden, experimentierte mit verschiedenen Haarschnitten und Farben und suchte nach einem Image, das mich zufrieden stellen würde. Ich war mir gegenüber wirklich sehr streng.

Na gut, das letzte hat sich wohl seit über 20 Jahren nicht geändert! Vor allem mit der Frisur experimentiere ich nach wie vor 😉 Aber meine Liebe habe ich ja gefunden, auch wenn nicht um die Ecke!

Warum?

Ja, aber warum mache ich das hier überhaupt? Was kann mir die 16 Jahre alte Dominika sagen? Was hatte sie damals, was ich heute nicht habe und was kann ich von ihr lernen? Für mich ist es einfach enorm wichtig, mein Leben nicht auf “Vorm Auswandern” und “Nach dem Auswandern” zu teilen und über meine Biografie im Persönlichkeitsentwicklung-Kontext denken zu können. So kann ich den Prozess besser wahrnehmen und die Kontinuität in meinem Leben erkennen und nicht nur als kurze Etappen betrachten. Das hilft mir auch zu verstehen, welche Eigenschaften sich von mir durchgesetzt haben und welchen Einfluss meine Vergangenheit auf meine Gegenwart hat.
Am liebsten würde ich mit der 17-jährigen Dominika ins Kino gehen, das hat ihr immer so viel Spaß gemacht. Nach den Kino würde ich sie auf ein Bier einladen, das war auch ihre Lieblingsfreizeitbeschäftigung 😉 Und dann, wenn wir uns schon vertrauter geworden sind, würde ich sie in Arm nehmen und ins Ohr flüstern: “Jeder Anfang ist nur Fortsetzung und das Buch der Ereignisse ist immer aufgeschlagen, mittendrin”.
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By |Thursday, November 8, 2018|Categories: Auswanderung|Tags: , |0 Comments

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